Philadelphia

Philadelphia ist ein Dorf in der Mark Brandenburg nahe der Stadt Storkow. Hier haben meine Vorfahren aus Polen und Wolhynien nach 1920 eine neue Heimat gefunden. Meine Großmutter Natalie Schulz fand hier ihren Mann Karl Gräf. Seine Vorfahren sind im 17. Jh. aus Sachsen als Kolonisten hierher gekommen. Sie haben also eine ähnliche Geschichte wie die wolhynischen Vorfahren.

Bereits 1816 lebten mehrere Familien Graeff in Groß Schauen und Philadelphia. Auch im benachbarten Storkow, Alt Stahnsdorf und Wolzig ist die Familie zu finden. In Philadelphia hat es zwei Kolonistenhöfe Graeff gegeben. Der Bauer Johann Gottlieb Graeff (*1777, +1829) ist im Kirchenbuch als Gerichtsschulze verzeichnet. Auch meine direkten Vorfahren lebten erst in Groß Schauen und waren ungefähr ab 1836 Kolonisten in Philadelphia. Mit der Zeit und den wechselnden Predigern und Kantoren änderte sich der Name: als Dorf nicht mehr mit zwei f geschrieben wurde hieß es Graef und noch ein paar Jahre später dann Gräf, die heute noch bestehende Schreibweise. Gleiches läßt sich auch bei anderen Alteingessesenen Familien beobachten: aus Bildow wurde Bildo und später Bild. Mein Großvater ist in einem der Kolonistenhäuser geboren. Bis zum heutigen Tag leben dort die Nachfahren der ehemaligen Kolonisten.

Die Geschichte der Kolonie und des Dorfes Philadelphia

Actum

Amt Stahnsdorf den 23. April 1792

Bei den hiesigen, neu auf königlichen Kästen angelegten Kolonien, hat sich folgendes zu erinnern gefunden: Auf Groß Schauen Vorwerks Lande 1/4Meile vom Amte Stahnsdorf bei dem neuen Vorwerk Stutgarten und dem Hammelstall selbige sind 4 doppelte Häuser von 8 Familien, die sich gut nähren. Ist auch das neue Vorwerk Stutgarten und die Schäferei. Auch befinden sich dort die in der Projektion-Tabelle fog.177 benannten 8 alten Familien, und besteht also die Kolonie eigentlich aus 16 Familien. Name der Untertanen:

Johann Götze
Johann Block
Friedrich Reetz
Friedrich Wenzel
Christian Richter
Johann Gottlieb Wentzel
Friedrich Beltin
Friedrich Beetz

Quelle: Unbekannt, Überlieferung

Wie erfolgte die Besiedlung?

Die Einrichtung des Dorfes wurde einem Lokator übertragen, der das Land vermass und in Hufe aufteilte. Die Größe der Hufe war oft von Dorf zu Dorf unterschiedlich und lag zwischen 7- und 15 ha. Das zugeteilte Land war die Ernährungsgrundlage für eine Familie. Die Bauern mussten an den Grundherren Abgaben (Erbzins) leisten und die Kirche verlangte den Zehnten. Nun musste der Siedlungsmeister das Land an Ansiedlungswillige vergeben und ihnen wahrscheinlich Reisegeld, Saatgut u.a. vorschießen. Für seine Bemühungen und Ausgaben wurde er Lehnschultze. Er erhielt ein größeres Stück Land, etwa 4 -6 Hufe und war von mancherlei Verpflichtung befreit. Zins und Zehnt brauchte er nicht zu zahlen und übte die niedere Gerichtsbarkeit im Ort aus.

Wie der Ort zu seinem Namen kam

Hierzu hat ein Historien-interessierter Lehrer in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die altbekannte Anekdote aufgeschrieben:

Der Hammelstall Philadephia, eine Anekdote vom Alten Fritz

Willy Schaelike - Philadelphia (um 1930)

Der Herr Amtsrat Bütow im schönen Alt-Stahnsdorf hatte neben der Verwaltung der alt-edlen Stadt Storkow auch auf das Gestüt Stutgarten, drei Kilometer davor im Luch, zu achten. Die weiten Wiesen hatten nicht nur zur Fohlenzucht verlockt, es waren auch große Schafherden in der ganzen Gegend auf den Vorwerken.

Als nun der große König nach den großen Kriegen und Siegen seine Lande im Frieden blühen sehen wollte, setzte er überall in die leidlich trocken gelegten Luchstriche Kolonisten aus Sachsen und Franken, Holland und Friesland an. Meist langgestreckte Kolonistendörfer enstanden, so auch eines bei dem Gestüt Stutgarten. Auf der Seite der Kolonistenhäuser lag da der große Schaf- oder Hammelstall. Zum Unterschied von dem Gute Stutgarten nannte man nun die Kolonie im Volke "Hammelstall". Das gefiel den neuen Ansiedlern aber wenig. Sie waren stolz auf ihre alte Heimat und fühlten sich als "Hammelstaller" nicht wohl.

Deshalb schrieben sie eines Tages dem König einen alleruntertänigsten Brief:

"...dieweil wir doch alle aus guten Bauerndörfern auf Allerhöchstdero freundliche Einladung hierher gekommen, auch zumeist Söhne und Töchter recht respektabler Eltern sind, gefällt es uns nicht sonderlich, hier in der neuen Heimat sogar einfach "Hammelstaller" zu heißen und zu sein. Da auch nicht ratsam scheine, uns mit dem allhier vorhandenem Rittergut Stutgarten gar zusammen zu thun, wir vielmehr lieber unsere eigene Kolonie haben und bleiben möchten, so es unserem Allergnädigsten König gefällt, so möchten wir alleruntertänigst bitten, unsere Kolonie nach Höchstdero großer Weisheit einen neuen Nahmen zu geben, als welcher in hiesiger niedriger Gegend noch gar nicht existiert..."

Als der König dieses Schreiben las, musste er an den Alexanderplatz denken und die 99 Schafsköpfe, die er einem einfältigen Bittsteller an sein Haus aufstecken ließ, damit es gerade 100 würden, wenn der Besitzer herausschaute.

Aber das waren hier seine lieben Kolonisten, die er mit so mancher Mühe und großen Kosten aus dem Ausland hergelockt hatte, die er sich hier möglichst erhalten wollte. Und da es noch dazu ja nichts kostete, sollte der Herzenswunsch der Hammelstaller Kolonisten in Erfüllung gehen. "Sie wohnen nun in einer neuen Welt", dachte der König, "geben wir ihnen also einen Namen von drüben, der ja wahrscheinlich in hiesiger niedriger Gegend noch gar nicht existiert!" Und an den Rand schrieb er in großen Zügen:

Sie heißt Philadelphia!

So trägt noch heute die kleine friedrizianische Siedlung nahe bei Storkow den Namen der großen Stadt in USA.

Aber der Volksmund kümmertsich noch nicht einmal um eine Randverfügung des großen Königs. Mag es amtlich heißen "Philadelphia" soviel es will. Die Bewohner der Storkower Niederung sprechen noch heute von "Hammelstall" und den "Hammelstallern". Die Kinder rächen sich nun, wenn die Storkower sie als "Hammelstaller" ausschimpfen. Ihr lustiger Streitruf heißt: "Hammelstall ist abgebrannt, die Hammel sind nach Storkow gerannt"

Willy Schaelike

1790 erscheint der Name Philadelphia im Amtsverzeichnis.

Das Rittergut Stutgarten

1811 erfolgt die Aufhebung der Leibeigenschaft. Das Amtsvorwerk Groß Schauen mit Stutgarten wird vererbpachtet.
1823 am 20. Dezember wir der Pächter des Gutes Amtmann Gottlob Fiering versehentlich bei der Jagd erschossen. (siehe Eintrag im Kirchenbuch Groß Schauen/Philadelphia)
1834 der Pächter Amtmann Klotzbach und sieben Arbeiter kamen zu Tode, als der neu erbaute Ziegelofen einstürzte und sie unter sich begrub. (lt. Kirchenbuch im April; im November kam das jüngste Kind des Amtmannes auf die Welt)
1836 Amtmann Ohnesorge kaufte Stutgarten als "Rittergut". Er verweigerte den Kolonisten die gemeinsame Hütung.
1843 Rittergutsbesitzer Schröder
1860 Ritterguts- und Ziegeleibesitzer Bauer, versuchte Kalk zu brennen - ohne Erfolg. Er ließ Ziegel für den Ausbau des Gutes brennen, geriet in Schulden und musste aufgeben.
1866 Ritterguts- und Ziegeleibesitzer Isaaksohn baut eine Stärkefabrik und einen neuen Ziegelofen. Die in Groß Schauen eingerichtete Lackerwärmungsanlage und das Wohnhaus brennen ab.
1867 Regierungsrat a.D. Ascher ist neuer Besitzer. Er baut das Schloss in Stutgarten, vergrößert die Produktion besonders heller Ziegel (jährlich 2-3 Millionen), die per Kahn nach Wolzig und Berlin verschifft werden.
1873 etwa in diesem Jahr ist der Sohn Lieutnant Paul Ascher in der Funktion des Gutsvorstehers. Bauern kaufen Landparzellen.
Das Schloss um1900, Hofseite
Das Schloss um1900, Hofseite
1881 Verpachtung der Seen
1903 Verkauf des Küchensees und des Groß Schauener Sees, Aufforstung der Abraumflächen, Gestaltung des Mischwaldreviers "Fasanerie". Aus den Tonkieten wurden acht Teiche
1910 Schließung des Ziegeleibetriebes, Verkauf an eine Immobiliengesellschaft, Wegzug nach Berlin
1913 Neuer Besitzer ist Artur Teske, Generaldirektor einer Baufirma in Berlin. Aus der Stärkefabrik wird ein Kornspeicher. Der Ziegeleischorstein wird gesprengt
1926 Elektrizität hält Einzug. Landverkäufe wegen Geldmangel, Hypotheken. Das Gut hat noch 523 ha
1927 Neuer Besitzer ist Benito Lewin, Generaldirektor eines Betriebes der Zuckerindustrie in Spanien. Er nutzt das Gut als Sommersitz, Familientreffpunkt, Reitpferdepension und Jagdgebiet
1928 Teile des aufgelösten Gutsbezirkes Groß Schauen einschließlich Stutgarten werden mit der Gemeinde Philadelphia vereinigt
1934 Verkauf und Versiedlung durch die Siedlungsgesellschaft "Deutschland".
1940 Neuer Besitzer des Restgutes von 245 ha ist Graf Hans von Kalneien, Landesgestütmeister
1943 Beschlagnahmung und Nutzung durch SS-Führungshauptamt (Tüftelten an der "Wunderwaffe)
1945 im April richtet die Rote Armee im Gutshaus eine Kommandantur ein
Das Schloss um1900, Parkseite
Das Schloss um1900, Parkseite
Das Schloss um1900, Postkarte
Das Schloss um1900, Postkarte

Anmerkungen

Beim Lesen der alten Kirchenbücher der evangelischen Gemeinde Groß Schauen-Philadelphia konnte ich die hier genannten Ereignisse nachvollziehen. Unter Wohnort der Mutter ist zu lesen: Philadelphia, Stutgarten oder Groß Schauen. Sogar die Ortsangabe Hammelstall taucht noch auf. Bei Stand des Vaters finden sich die Bezeichnungen: Büdner, Gutsarbeiter, Arbeitsmann, Bauer, Kolonist und Tagelöhner. Oder aber auch die Titel Amtmann, Gerichtschulze. Ebenso tauchen die Berufsbezeichnungen Gastwirt, Musikus, Gemeindeschäfer, Schäfer, Fischer, Zimmerergeselle/-Meister, Schiffbauer, Schiffer, Maurer u.a. auf.

Die Schiffer und Schiffbauer finden sich erst um 1860. Zu dieser Zeit arbeitete die Ziegelei am intensivsten. Das hängt auch mit der Industrialisierung und der Expansion von Berlin zusammen. Die Stadt wurde zu einem großen Teil über die Wasserwege versorgt - auch mit Baumaterial. Berlin wird auch Spreeathen genannt, es ist die Stadt mit den meisten Brücken. Von Philadelphia aus war Berlin sehr gut über die Wasserwege zu erreichen.

Von der einstigen Pracht des Schlosses und des Parks ist lange nichts mehr zu sehen. Es bestehen aber Pläne, das Anwesen wieder erstehen zu lassen und als Hotelanlage zu nutzen.

Angela Boost, Februar 2009